07 May 2026, 12:09

Wie die DDR Halberstadts jüdische Vergangenheit systematisch auslöschte

Metallplatte an einer Gebäudewand mit hebräischer Schrift, wahrscheinlich ein Denkmal für die jüdische Gemeinde.

Wie die DDR Halberstadts jüdische Vergangenheit systematisch auslöschte

Ein neues Buch des Historikers Philipp Graf untersucht die getilgte jüdische Geschichte Halberstadts in der DDR

In „Verweigerte Erinnerung“ deckt Graf auf, wie die einst blühende neo-orthodoxe jüdische Gemeinde der Stadt zerstört und anschließend vergessen wurde. Seine Forschung zeigt auch die Widersprüche in den antifaschistischen Ansprüchen der DDR, die gleichzeitig jüdische Kulturspuren unterdrückte.

Die jüdische Gemeinde Halberstadts, einst ein zentraler Ort des Neo-Orthodoxie, wurde systematisch zerschlagen. Die Zerstörung der Synagoge 1938 markierte den Beginn des Traumas – nicht, wie spätere Erzählungen nahelegten, die Befreiung 1945. Nach dem Krieg versäumte es die DDR, das jüdische Kulturerbe zu bewahren. Übrig blieben nur verstreute Spuren: verbotene Schallplatten von Lin Jaldati oder Romane von Peter Edel und Jurek Becker.

Das Konzentrationslager Langenstein-Zwieberge bei Halberstadt wurde zu einem Ort umkämpfter Erinnerung. 1949 entstand dort eine Gedenkstätte für die Opfer von Zwangsarbeit. Doch 1969 wurde sie zu einer politischen Versammlungsstätte umgebaut – direkt über den Gräbern von Häftlingen. Gleichzeitig nutzte die DDR die Tunnelsysteme des Lagers als Militärdepot für die Nationalen Volksarmee.

Grafs Arbeit enthüllt zudem die Zensur jüdischer Stimmen in der DDR. Die niederländische Widerstandskämpferin und Sängerin Lin Jaldati verschwand nach dem Sechstagekrieg 1967 aus Rundfunk und Fernsehen. Ihr Ausschluss dauerte bis Mitte der 1970er Jahre an – ein Beispiel für die systematische Unterdrückung. Das Buch plädiert dafür, sowohl rechtsextremen als auch linksautoritären Antisemitismus mit aktualisierten Analyseinstrumenten zu begegnen.

Grafs Erkenntnisse stellen gängige Annahmen über das Verhältnis der DDR zu ihrer jüdischen Vergangenheit infrage. Sein Buch fordert eine Neubewertung der bisherigen Deutungsmuster von Autoritarismus und Geschichtsverdrängung. Indem es Halberstadts verschüttete Geschichte freilegt, trägt es zu einem besseren Verständnis bei, wie Erinnerung kontrolliert wurde – und wie sie zurückerobert werden kann.

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